Angetrieben von der Vision eines aggressiveren und technisch weiterentwickelten Rennwagens ließ sich Piëch vom Erfolg des Carrera 6 inspirieren und entwickelte dessen Nachfolger: den Porsche 910. Der 910 wurde besonders flach konstruiert, um den Luftwiderstand zu reduzieren. Gleichzeitig verfügte er über ein abnehmbares Targa-Dach, um auch größeren Fahrern ausreichend Platz zu bieten und die Wärmeabfuhr im Innenraum zu verbessern – ein für einen Rennwagen dieser Zeit außergewöhnliches Merkmal.
Das neue Fahrzeug war mit einer mechanischen Bosch-Einspritzanlage ausgestattet, zunächst mit einer Reihenpumpe, später mit einer Doppelreihenpumpe. Der Sechszylinder-Boxermotor behielt seinen Hubraum von 1.996 cm³ bei, leistete nun jedoch 220 PS. Zu den wesentlichen Weiterentwicklungen gehörten die neu eingeführten 13-Zoll-Magnesiumräder – 8 Zoll breit an der Vorderachse und 9,5 Zoll an der Hinterachse – mit Zentralverschlussnaben, die die früher verwendeten 15-Zoll-Räder ersetzten.
Nur 44 Exemplare des Porsche 910 wurden gebaut, davon lediglich 16 Fahrzeuge mit dem 2,0-Liter-Sechszylinder-Boxermotor, der sämtliche typischen Merkmale der Porsche-Rennmotorentechnik in sich vereinte:
- Leichtes Motorgehäuse aus Magnesium
- Kleineres Lüfterrad und kleineres Lüftergehäuse zur Reduzierung des Ansaugwiderstands
- Zentral geschmierte Nockenwellen
- Schieberanlage
- Spezieller kleiner Rennölfilter
- Magneti-Marelli-Doppelzündverteiler
- Leichtes Schwungrad
- Verstärkte Kupplung
- Titan-Pleuel
- Spezielle Kolben und Zylinder
Zwei dieser 16 Fahrzeuge wurden als Langheck-Versionen für Langstreckenrennen aufgebaut. Die übrigen 28 Fahrzeuge erhielten den 2,2-Liter-Achtzylinder-Boxermotor, der zwar mehr Leistung bot, jedoch schwerer und deutlich komplexer war.
Ein wesentlicher Fortschritt war die Gewichtsreduzierung um rund 10 Prozent: Das Fahrzeuggewicht sank von 675 Kilogramm beim Carrera 6 auf nur noch 600 Kilogramm. In Verbindung mit den technischen Weiterentwicklungen führte dies zu einer beeindruckenden Performance, die den Porsche 910 in seiner 2,0-Liter-Klasse nahezu unschlagbar machte.
Das hier präsentierte Fahrzeug stammt aus der allerersten Serie. Es lässt sich leicht von späteren Modellen unterscheiden, insbesondere durch seine schärfere, fast haiähnliche Frontpartie mit zwei näher beieinanderliegenden Lufteinlässen – ein Merkmal, das auch auf originalen historischen Fotografien in den alten österreichischen Zulassungsdokumenten erkennbar ist. Dieser 910 wurde ursprünglich als Coupé gebaut und blieb durchgehend in dieser Konfiguration erhalten.
Nachdem das Fahrzeug zunächst vom Werk getestet worden war, wurde es von dem berühmten Werksfahrer Hans Herrmann gefahren, der später mit einem Porsche 917 den Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans 1970 erringen sollte. Herrmann pilotierte diesen Wagen zudem bei einem Bergrennen in Italien und demonstrierte damit die Vielseitigkeit und Wettbewerbsfähigkeit des 910.
Im Jahr 1968 verkaufte das Werk das Fahrzeug an den Werksfahrer Rudi Lins, der es mit großem Erfolg unter dem Sponsoring von Bosch Racing bei zahlreichen Veranstaltungen einsetzte, darunter beim 1000-km-Rennen auf dem Salzburgring sowie bei vielen weiteren Rennen. Lins war auch derjenige, der das Fahrzeug auf seinen Namen mit dem originalen österreichischen Fahrzeugbrief zuließ – Unterlagen, die bis heute beim Fahrzeug vorhanden sind. Die erfolgreiche Renngeschichte des Wagens ist in Literatur und Publikationen umfassend dokumentiert, unter anderem im Buch „Time and Two Seats“, das seine Erfolge während der aktiven Rennzeit beschreibt.
Später gelangte der Wagen in den Besitz von Lambert Hofer, einem bestens vernetzten Privatfahrer, der den 910 intensiv einsetzte. Unter seiner Verantwortung nahm das Fahrzeug an zahlreichen Veranstaltungen teil und wurde zeitweise von namhaften Fahrern wie Otto Stuppacher, Rolf Stommelen und sogar dem dreifachen Formel-1-Weltmeister Niki Lauda gefahren. Hofers großzügige Ausgaben für den Rennsport führten jedoch letztlich zum Niedergang des bekannten Wiener Familienunternehmens. Von seinen Verwandten aus dem Unternehmen gedrängt, zog er sich in das ländliche Österreich zurück, wo er viel Zeit in örtlichen Bars verbrachte. Im Jahr 1994 verkaufte er das Fahrzeug – zusammen mit einem Umschlag originaler Dokumente auf Firmenbriefpapier und mit seiner Unterschrift – an den heutigen Eigentümer. Damit blieb eine unschätzbar wertvolle Verbindung zur Vergangenheit des Wagens erhalten.
Als das Fahrzeug den Besitzer wechselte, war es vollständig erhalten. Im Laufe der Jahre waren jedoch verschiedene Modifikationen vorgenommen worden, um es konkurrenzfähig zu halten – eine bei Rennfahrzeugen völlig übliche Praxis, insbesondere wenn sie bis weit in die späten 1970er- und sogar frühen 1980er-Jahre aktiv eingesetzt wurden. Zu diesen Modifikationen gehörten:
- Verbreiterte hintere Radausschnitte an der Karosseriehaube
- Montage größerer 15-Zoll-Räder
- Einbau größerer Ansaugtrichter sowie einer größeren Schieberanlage
- Zusätzliche Überrollkäfigrohre für verbesserten Schutz
- Entfernung der Heckscheibe
All diese Modifikationen wurden im Rahmen einer sorgfältigen Restaurierung gewissenhaft zurückgebaut, um das Fahrzeug wieder in seine ursprüngliche Auslieferungsspezifikation zu versetzen. Dezente Spuren der früheren Radausschnitte sind noch heute als leichte Unterschiede in der Glasfaserstruktur an den restaurierten Radläufen erkennbar.
Jede Schraube und jedes Detail des Fahrzeugs wurde überarbeitet, um es auf den Standard eines nach FIA-Reglement einsatzbereiten historischen Rennwagens zu bringen und seine volle Eignung für internationale historische Motorsportveranstaltungen sicherzustellen. Motor und Getriebe wurden von einem der renommiertesten Porsche-Motorenspezialisten Deutschlands überholt. Jedes Detail erhielt höchste Aufmerksamkeit, abgeschlossen durch eine hochwertige Lackierung. Nach der Restaurierung wurde das Fahrzeug auf mehreren Rennstrecken getestet und gelegentlich bei historischen Veranstaltungen präsentiert. Darüber hinaus verfügt es über deutsche Fahrzeugpapiere und eine Straßenzulassung – Dokumente, die für genau diese Fahrgestellnummer EU-weit nur einmal ausgestellt werden können – und damit seine Authentizität und seinen einzigartigen Status zusätzlich unterstreichen.
Zu diesem ikonischen historischen Rennwagen gehört ein umfangreicher Dokumentationsordner, darunter:
- Originaler historischer österreichischer Fahrzeugbrief („Einzelgenehmigung“)
- Deutscher Fahrzeugbrief und Zulassung
- Zwei Sätze FIA-Papiere
- Alte Christophorus-Magazine mit Berichten über das Fahrzeug
- Historische Fotografien
- Restaurierungsbilder
Der aktuelle Marktwert von Porsche 910 liegt je nach Zustand und Provenienz zwischen 2,5 und 2,8 Millionen US-Dollar. Es gibt jedoch keinen weiteren Porsche-910-Rennwagen mit originalem Magnesium-Motor, der zugleich noch über seine originalen Fahrzeugpapiere und eine aktuelle EU-Zulassung verfügt. Dieses Fahrzeug kann unmittelbar bei Wettbewerben und Straßenrennen in ganz Europa eingesetzt werden.
Der Porsche 910 steht für ein bedeutendes Kapitel in der großen Porsche-Rennsportgeschichte. Er symbolisiert die Entschlossenheit und den Pioniergeist seiner Ingenieure und Fahrer. Seine legendäre Performance, seine beeindruckenden technischen Weiterentwicklungen und die faszinierenden Geschichten, die ihn umgeben, machen den Porsche 910 zu einem Meilenstein des Motorsports – und zu einer Quelle ungebrochener Faszination.